Der Schwarm und die Nachbarn
Eine kurze Erkundung dessen, was uns ein Starenschwarm lehrt — und vor allem dessen, was er uns nicht lehrt.
Starenschwärme bilden ein beliebtes Beispiel in der Komplexitätswissenschaft. Tausende Vögel, eine gemeinsame Gestalt, ohne Anführer, ohne Plan, ohne Blaupause. Auf Video wirkt es beinahe magisch. Aus der Wissenschaft heraus glauben wir inzwischen, einigen Einblick in das Wie zu haben.
Ein einzelner Star berücksichtigt etwa sieben Nachbarn. Nicht mehr. Sie richtet sich nach der mittleren Richtung dieser sieben, hält Abstand und synchronisiert ihre Bewegungen. Kein Vogel weiß, was der Schwarm als Ganzes tut. Und dennoch ist da ein Ganzes — eine Gestalt, die sich formt, verformt, wogt, ballt, ausfächert.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die dies entdeckten (ein italienisches Team, frühe 2000er Jahre), nannten dieses Prinzip scale-free correlations. Was bei einem Vogel geschieht, pflanzt sich durch den Schwarm fort, nicht weil sie alle einander zuhören, sondern weil das Netzwerk der Nachbar-Beziehungen so dicht ist, dass eine Veränderung rasch reist.
Warum dies für uns verlockend ist
In der Psychotherapie ist es verlockend, dieses Bild zu nutzen. Wir würden, ehrlich gesagt, wünschen, dass sich unsere Klientinnen und Klienten — wie der Schwarm — aus einfachen lokalen Wechselwirkungen heraus zu einem gesünderen Muster ausrichten können. Wir würden uns ein Sprechzimmer-Äquivalent jener sieben Nachbarn wünschen: ein paar einfache Regeln, die das System sich neu orientieren lassen.
Und dort liegen sicherlich schöne Gedanken. Eine Familie reagiert über lokale Interaktionen aufeinander (Blickkontakt, Tonfall, Berührung) — nicht über zentrale Planung. Ein Team in der Versorgung findet seinen Rhythmus über lokale Signale. Eine Patientin, die ihren eigenen Tagesrhythmus wieder in Ordnung bringt, tut dies selten durch einen großen Plan, sondern durch kleine Anpassungen, die andere kleine Anpassungen erleichtern.
Wo die Metapher strandet
Doch — und das scheint uns nicht unwichtig — wir sind keine Stare. Menschen haben Sprache, Gedächtnis, Bedeutung, Ambivalenz, Konflikt. Ein Star ist in gewissem Sinne „leer" — sie tut, was ihre Nachbarn tun. Ein Mensch hat eine Innenwelt, die ebenso viel wiegt wie die Außenwelt.
Wer zu enthusiastisch mit der Schwarm-Metapher arbeitet, kann in etwas Ähnliches verfallen wie das, was wir früher mit „dem Familiensystem" taten: das Individuum wird unsichtbar, alles ist Interaktion. Das ist, nach unserer Erfahrung, eine Wahl mit klinischen Folgen — manchmal glücklich, manchmal weniger glücklich.
Was sich davon lernen lässt — mit Behutsamkeit
Die Schwarm-Metapher kann, behutsam gehandhabt, in der Psychoedukation dienen — etwa als Illustration des Gedankens, dass Ordnung nicht stets von oben entsteht. Dass eine Patientin selbst, in Interaktion mit den Menschen um sie herum, eine neue Gestalt finden kann, ohne dass jemand genau wissen müsste, an welchem Knopf zu drehen ist. Es kann ein tröstender und aktivierender Gedanke sein für Menschen, die sich sonst zu schwer fühlen, um in Bewegung zu kommen.
Es wäre jedoch zu weit gegriffen zu behaupten, Psychotherapie sei „im Wesentlichen Schwarmbildung". Dort wird es zu vage. Ein Schwarm ist ein schönes Beispiel für Selbstorganisation. Er scheint eher eine Ouvertüre als eine Erklärung. Den Rest des Stücks machen wir im Sprechzimmer, mit Sprache und Stille und all dem Wirrwarr, das zum Menschsein gehört.
Und doch — wer an der niederländischen Küste einen Starenschwarm überfliegen sieht, spürt für einen kurzen Augenblick ein anderes Register dafür, was Ordnung sein kann. Das ist keine Empirie, doch es kostet nichts, es mitzunehmen.