Feedback (Rückkopplung)
Der Mechanismus, der ebenso Sucht wie Genesung antreiben kann — und alles dazwischen.
Feedback — oder Rückkopplung — gehört unseres Erachtens zu den universellsten Mechanismen in komplexen Systemen. Es ist das, was aus einer geraden Linie eine Spirale machen kann.
Die Grundidee ist einfach: das Ergebnis eines Prozesses beeinflusst den Prozess selbst. Verstärkt das Ergebnis den Prozess, sprechen wir von positiver Rückkopplung. Ein Schneeball, der rollt und wächst. Ein Gerücht, das sich verbreitet. Eine Panikattacke, die sich selbst nährt. Dämpft das Ergebnis den Prozess, sprechen wir von negativer Rückkopplung. Der Thermostat im Wohnzimmer. Die Insulinausschüttung nach einer Mahlzeit. Die automatische Korrektur an einem Fahrrad, das zu weit nach links neigt.
Positive Rückkopplung ist nicht positiv
Die Terminologie führt mitunter in die Irre. Positive Rückkopplung bedeutet nicht „gut" — nur „verstärkend". Ein Teufelskreis ist positive Rückkopplung. Schlafprobleme führen zu Müdigkeit, Müdigkeit führt zum Grübeln, Grübeln führt zu Schlafproblemen. Das System verstärkt sich selbst, und die Abwärtsspirale entfaltet sich. Derselbe Mechanismus treibt auch Aufwärtsspiralen an: Selbstvertrauen führt zu Mut, Mut zu Erfahrungen, Erfahrungen zu Selbstvertrauen. Beides ist positive Rückkopplung. Der Mechanismus ist identisch; nur der Inhalt unterscheidet sich.
„Teufelskreise und Aufwärtsspiralen folgen demselben Gesetz. Die Frage ist nur, in welche Richtung das System rollt."
Negative Rückkopplung hält Systeme stabil. Sie ist der Grund, warum wir nicht von selbst fiebrig bleiben, nicht von selbst zu atmen vergessen, nicht von selbst vom Stuhl fallen. Doch negative Rückkopplung kann auch gefangen halten — ein System, das so „korrigiert" ist, dass es sich selbst nicht mehr in Bewegung setzen, sich nicht mehr entscheiden, sich nicht mehr verändern kann.
Feedback im Sprechzimmer
Für die psychische Gesundheitsversorgung hat Feedback in dreierlei Hinsicht Bedeutung. Klinisch: nahezu alle Psychopathologie lässt sich als Feedbacksystem verstehen. Depression als negative Spirale aus Inaktivität und Stimmung. Angst als positive Rückkopplung aus Vermeidung und Bedrohungswahrnehmung. Essstörungen als Rückkopplung zwischen Körper, Kontrolle und Emotion. Wer das System in Feedbackform denkt, sieht sofort, welche Glieder aufrechterhalten werden.
Therapeutisch: viele Interventionen sind Versuche, eine Feedbackschleife zu unterbrechen oder umzukehren. Kognitive Umstrukturierung unterbricht die Rückkopplung zwischen Gedanke und Gefühl. Verhaltensaktivierung unterbricht die Rückkopplung zwischen Inaktivität und Stimmung. Exposition unterbricht die Rückkopplung zwischen Vermeidung und Angst. Es ist kein Zufall, dass sich so viele wirksame Elemente der Psychotherapie als Feedback-Interventionen beschreiben lassen.
Methodisch: Feedback macht psychologische Daten inhärent schwer interpretierbar. Denn wenn A und B sich wechselseitig verstärken, was ist dann Ursache und was Wirkung? In einem linearen Modell ist dies ein unlösbares Problem. In einem dynamischen Systemmodell — mit Zeitreihen, Vektor-Autoregression oder Netzwerkanalyse — wird es beantwortbar: wir sehen über die Zeit, welche Variable welche andere vorhersagt.
Was das Denken bewirkt
Was am Feedback-Denken immer wieder auffällt, ist, wie selbstverständlich es sich anfühlt, sobald man es sieht. Patientinnen und Patienten erkennen es sofort — sie leben es. Die Mühe besteht darin, als Behandelnde bewusst nach den Feedback-Strukturen zu suchen und Interventionen zu entwerfen, die an der Schleife ansetzen, nicht nur am Symptom. Genau dies versucht die prozessbasierte Therapie: von der Symptomunterdrückung hin zur Identifikation und Bearbeitung der wirksamen Feedbackmechanismen.