№ 13

Chaos

Keine Unordnung, sondern Empfindlichkeit. Ein deterministisches System, das durch seine Empfindlichkeit gegenüber Anfangsbedingungen unvorhersagbar wird.

Im alltäglichen Sprachgebrauch steht Chaos gewöhnlich für Unordnung. In der Mathematik und Physik bedeutet es etwas ganz anderes, und es ist gut, die Unterscheidung zu treffen — sonst erhält man einen Begriff, der überall und nirgends passt.

Ein chaotisches System im technischen Sinne wird gewöhnlich als ein System beschrieben, das deterministisch ist (die Gesetze stehen fest) und zugleich in der Praxis unvorhersagbar sein kann. Nicht, weil wir die Gesetze nicht kennen, sondern weil das System so empfindlich gegenüber seinen Anfangsbedingungen ist, dass eine winzige Abweichung am Anfang zu enorm unterschiedlichen Ergebnissen im weiteren Verlauf führt.

Der Meteorologe Edward Lorenz entdeckte dies 1961 zufällig. Er ließ eine Wettersimulation auf seinem Computer laufen und wollte einen Teil davon wiederholen. Um Zeit zu sparen, gab er seine Anfangswerte mit drei statt der ursprünglichen sechs Dezimalstellen ein. Er erwartete ein vergleichbares Ergebnis. Was er erhielt, war ein Wetterbild, das nach einigen Tagen vollkommen anders aussah. Die kleine Rundung hatte sich zu einem unkenntlich anderen Wetter vervielfacht. Lorenz nannte dies später den Schmetterlingseffekt: ein Schmetterling, der in Brasilien mit den Flügeln schlägt, kann im Prinzip einen Tornado in Texas auslösen.

Was Chaos nicht ist

Was hier gemeint ist, ist nach unserem Empfinden keine Unordnung. Ein chaotisches System hat Struktur. Es bewegt sich auf einem Attraktor — einer Art Bahn in der Dynamik, auf der sich das System bewegt. Der Lorenz-Attraktor hat die Form zweier miteinander verbundener Flügel (daher der Name). Das System wandert auf diesem Attraktor, und wohin es kurzfristig geht, ist nicht exakt vorhersagbar, doch die große Gestalt — der Attraktor selbst — ist vorhersagbar.

Chaos ist daher eine Art strukturierter Unvorhersagbarkeit. Wir wissen ungefähr, in welchen Bereichen sich das System bewegt, aber nicht, wann es genau wo ist.

Und in der Psyche?

Ob menschliches Funktionieren wirklich chaotisch ist in diesem technischen Sinne, bleibt vorerst eine offene Frage. Es gibt Studien, die Hinweise finden in EEG-Daten, in der Herzrate, in Stimmungszeitreihen. Doch es ist schwierig, strenges Chaos von gewöhnlichem Rauschen mit viel Rauschen zu unterscheiden. Wer zu enthusiastisch von „Chaos" spricht, sagt in Wirklichkeit mitunter: „wir verstehen es noch nicht".

Was uns wohl nützlich erscheint, ist das Bewusstsein, dass selbst einfache psychologische Systeme sich so verhalten können, dass exakte Vorhersage nicht recht möglich ist — nicht bloß aus Mangel an Wissen, sondern möglicherweise aus der Natur des Systems selbst. Das hätte einige praktische Folgen.

Drei praktische Folgen

Erstens: wenn ein Patientensystem chaosähnliche Eigenschaften hat, ist „was geschieht morgen?" eine Frage, auf die wir ehrlich gesagt keine genaue Antwort geben können. Wir können wohl angeben, in welchen Bereichen es sich bewegt.

Zweitens: kleine Interventionen können langfristig unerwartet große Wirkungen haben. Oder gar keine. Das macht Timing wichtiger als Dosierung.

Drittens: eine ungeordnete Zeitreihe ist nicht zwangsläufig eine ungeordnete Patientin. Manchmal ist es die Natur des Systems. Darauf müssen wir unsere Messungen einstellen — nicht durch das Entfernen von mehr Rauschen, sondern durch ein anderes Schauen auf die Muster.