Synergetik
Die Wissenschaft der Selbstorganisation — wie aus dem Zusammenspiel vieler Teile eine neue Ordnung hervorgeht.
Die Synergetik ist, in den Worten ihres Begründers, die bislang am weitesten ausgearbeitete disziplinübergreifende Theorie der Selbstorganisation. Sie untersucht, wie aus dem Zusammenwirken zahlloser kleiner Teile auf einer Mikroebene plötzlich ein geordnetes Muster auf einer Makroebene entsteht — und wie ein solches Muster sodann in ein anderes übergeht. Das Wort kommt vom griechischen synergein, zusammenwirken: Die Ordnung ist nicht von außen auferlegt, sondern das Ergebnis dessen, was die Teile gemeinsam tun.
Die Disziplin wurde in den 1970er Jahren von dem deutschen Physiker Hermann Haken begründet, zunächst aus seiner Arbeit am Laser. In einer gewöhnlichen Lichtquelle senden die Atome ihre Wellen unkoordiniert aus, jedes in seinem eigenen Rhythmus. Wird genügend Energie zugeführt, so synchronisieren sie sich plötzlich, und aus dieser kollektiven Kohärenz entsteht der gebündelte Laserstrahl. Niemand dirigiert dies; es geschieht durch die wechselseitige Kopplung der Atome, sobald eine Schwelle überschritten wird. Haken sah in diesem einen Phänomen ein allgemeines Prinzip, das er sodann in der Physik, der Chemie, der Biologie und schließlich auch in der Psychologie wiederfand.
Ordnungsparameter und Kreiskausalität
Im Zentrum der Synergetik steht der Begriff des Ordnungsparameters: eine Größe, die das Verhalten des Ganzen beschreibt und die — durch das, was Haken Versklavung nannte — ihrerseits das Verhalten der einzelnen Teile zu beherrschen beginnt. Zwischen der Mikroebene und der Makroebene besteht so eine Kreiskausalität: Die Teile bringen die Ordnung hervor, und die Ordnung schränkt sodann die Teile ein und ordnet sie. Es ist diese Wechselseitigkeit, die erklärt, wie ein System sich selbst steuern kann, ohne dass ein Steuermann hinzukommt.
Ein komplexes System kann, so gesehen, nicht einfach jeden beliebigen Zustand annehmen. Es wird von seinen Ordnungsparametern zu einer begrenzten Anzahl zusammenhängender Muster geführt. Und wenn die Umstände sich ändern, kann das System von einem Muster in ein anderes springen — ein Ordnungsübergang, dem eine Phase kritischer Instabilität vorausgeht, in der die alte Ordnung ihren Halt verliert und die neue noch nicht feststeht.
Synergetik in der Psychotherapie
Für die Psychologie und die Psychotherapie ist diese Tradition systematisch von Günter Schiepek ausgearbeitet worden. Ein therapeutischer Prozess, so der Gedanke, lässt sich als ein selbstorganisierendes System verstehen. Der Ordnungsparameter ist dann keine einzelne Variable, sondern ein Muster — ein Zusammenspiel von Beschwerden, Bedeutungen, Beziehungen und Verhalten, das als Ganzes eine Richtung hat. Und ebenso wie beim Laser kann ein solches System sich plötzlich neu ordnen: Ein neuer Ordnungsparameter entsteht, und mit ihm eine neue Weise des Funktionierens.
Was dies für das Handeln der Klinikerin und des Klinikers bedeutet, arbeiten wir andernorts in diesem Lexikon weiter aus — unter Selbstorganisation und den generischen Prinzipien, die Schiepek daraus ableitet. Hier genügt der Kern: Die Synergetik verlagert die Aufmerksamkeit vom unmittelbaren Steuern des Ergebnisses hin zum Schaffen der Bedingungen, unter denen ein System sich neu ordnen kann.
Vorsichtig formuliert ließe sich sagen, dass die Synergetik die Begriffe liefert, mit denen viele der anderen Termini dieses Lexikons — Emergenz, Ordnungsparameter, Kontrollparameter, kritische Instabilität, Phasenübergang — in einen zusammenhängenden Rahmen fallen. Sie ist gewissermaßen die Grammatik hinter dem Vokabular.