№ 19

Trajektorie

Die Bahn, die ein System durch die Zeit zurücklegt — die Route über die Karte.

Eine Trajektorie ist die geordnete Abfolge von Zuständen, die ein System im Lauf der Zeit durchläuft. Sie ist, mit anderen Worten, eine bestimmte Verlaufsstruktur — die Bahn, die das System durch seinen Phasenraum zieht.

Die Zustände werden durch die Variablen bestimmt, mit denen das System beschrieben wird. Verwendet man diese Variablen als Achsen eines Phasenraums, so lässt sich die Trajektorie in diesen Raum einbetten und als Linie sichtbar machen. Wo der Phasenraum alle denkbaren Zustände enthält, zeigt die Trajektorie die Zustände, die das System tatsächlich angenommen hat — nicht die Möglichkeit, sondern die Geschichte.

Die Form eines Verlaufs

Es lohnt sich innezuhalten bei dem, was eine Trajektorie sichtbar machen kann. Eine Bahn, die um einen festen Punkt kreist, weist auf ein stabiles Gleichgewicht hin; eine Bahn, die sich in einer Schleife wiederholt, auf einen Rhythmus oder Zyklus; eine Bahn, die nie genau denselben Weg nimmt und dennoch in einem begrenzten Gebiet bleibt, auf Chaos im strengen Sinne. Die Form des Verlaufs trägt so Information, die sich aus einzelnen Momentaufnahmen nicht ablesen lässt.

Für die Behandlungspraxis knüpft dies eng an das idiografische Denken an: Es geht nicht um die durchschnittliche Patientin, sondern um diesen Menschen und die Bahn, die er durch die Zeit zurücklegt. Zwei Menschen mit derselben Klassifikation können völlig verschiedene Trajektorien beschreiben — und gerade in dieser Bahn liegt, unserem Eindruck nach, oft mehr behandlungsrelevante Information als in einem einzelnen Wert.