№ 23

Schmetterlingseffekt

Warum kleine Unterschiede große Folgen haben können — und die langfristige Vorhersage an ihre Grenze stößt.

Der Schmetterlingseffekt ist die empfindliche Abhängigkeit der Entwicklung eines Systems von seinen Anfangsbedingungen oder von kleinen Abweichungen unterwegs — durch interne Fluktuationen oder durch jede Art von Eingabe aus der Umgebung. Diese Empfindlichkeit begrenzt jede langfristige Vorhersage und ist ein Grundmerkmal nichtlinearer, „chaotischer" Systeme.

Der Name geht auf den Meteorologen Edward Lorenz zurück, der entdeckte, dass eine winzige Rundung in seinem Wettermodell mit der Zeit zu einem gänzlich anderen Verlauf führte — als könnte der Flügelschlag eines Schmetterlings Wochen später einen Sturm auf der anderen Seite der Welt beeinflussen. Nicht weil der Schmetterling den Sturm „verursacht", sondern weil in einem empfindlichen System der kleinste Unterschied sich im Verlauf vergrößern kann.

Bescheidenheit beim Vorhersagen, nicht beim Verstehen

Es ist verlockend, daraus zu lesen, dass alles Zufall sei, doch das ist ein Missverständnis. Ein chaotisches System ist vollständig durch seine eigenen Gesetzmäßigkeiten bestimmt; es ist nur nicht langfristig vorhersagbar. Determinismus und Unvorhersehbarkeit schließen einander hier nicht aus. Diese Unterscheidung ist wesentlich, auch für die psychische Gesundheitsversorgung.

Für die Praxis verlangt der Schmetterlingseffekt eine doppelte Haltung. Einerseits Bescheidenheit: Wer meint, den Verlauf eines Menschen weit vorauszeichnen zu können, verkennt die Natur des Systems, mit dem er arbeitet. Andererseits Hoffnung: Wenn kleine Unterschiede sich vergrößern können, dann kann auch eine kleine, gut getimte Intervention mitunter eine unerwartet große Wirkung haben. Wir fügen, wie stets, hinzu, dass dies eine Analogie ist und kein Beweis — aber eine, unserem Eindruck nach, erhellende.